Schaden moderne Bildschirmmedien der kindlichen Gehirnentwicklung?

Die Studie

In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden gesunde Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren untersucht [1], bei denen die Gehirnentwicklung mit einer speziellen Bildgebung (MRT) gemessen und mit der von den Eltern angegebenen Mediennutzung verglichen wurde. Ziel war es zu prüfen, ob ein Zusammenhang zwischen häufiger Bildschirmnutzung und der Entwicklung wichtiger Verbindungsbahnen im Gehirn besteht.

Die Ergebnisse

Die Untersuchung zeigte: Kinder, die viel Zeit mit Bildschirmmedien wie Handys, Tablets oder Fernsehern verbrachten, hatten in bestimmten Bereichen ihres Gehirns weniger gut entwickelte Verbindungsbahnen. Diese Verbindungen werden als weiße Substanz bezeichnet und sind wichtig, damit Informationen im Gehirn schnell und zuverlässig weitergeleitet werden können.

Besonders betroffen waren Gehirnbereiche, die eine wichtige Rolle für:

  • das Sprechen,
  • das Verstehen von Sprache,
  • und das spätere Lesen und Lernen spielen.

Es zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Je mehr Bildschirmzeit ein Kind hatte, desto schwächer waren diese Verbindungen ausgeprägt. Gleichzeitig fanden die Forscher Hinweise darauf, dass Kinder mit weniger Bildschirmzeit und mehr gemeinsamer Beschäftigung, zum Beispiel durch Vorlesen oder Gespräche, günstigere Werte in diesen Bereichen des Gehirns aufwiesen.

Einschränkungen der Studie

Diese Studie hat auch Grenzen, die wichtig sind zu kennen. Die Anzahl der untersuchten Kinder war mit 47 Teilnehmern relativ klein. Deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht automatisch auf alle Kinder übertragen.

Außerdem spielte der soziale und wirtschaftliche Hintergrund der Familien eine wichtige Rolle. Faktoren wie das Einkommen der Eltern, wie viel Zeit Erwachsene mit ihren Kindern sprechen oder vorlesen und welche Lernangebote es zu Hause gibt, können sowohl die Bildschirmzeit als auch die Gehirnentwicklung beeinflussen. Daher ist nicht sicher, ob die Bildschirmnutzung allein für die gefundenen Unterschiede verantwortlich ist.

Fazit

Die Studie beweist nicht, dass Bildschirmmedien die weiße Substanz im Gehirn von Kindern verringern. Sie zeigt jedoch einen deutlichen Zusammenhang, der als wichtiges Warnsignal verstanden werden sollte und den Eltern kennen sollten.

Gerade in den ersten Lebensjahren scheint es besonders wichtig zu sein, Bildschirmzeit bewusst zu begrenzen und stattdessen auf Gespräche, Vorlesen, gemeinsames Spielen und echte Nähe zu setzen – denn diese Erfahrungen unterstützen die gesunde Entwicklung des kindlichen Gehirns am besten.

Zusätzliche Forschung zu Mediennutzung und späteren Aufmerksamkeits- und ADHS-Symptomen

Neben der oben beschriebenen Untersuchung gibt es weitere wissenschaftliche Arbeiten, die den Zusammenhang zwischen Mediennutzung in der Kindheit und späteren Aufmerksamkeits- und ADHS-ähnlichen Symptomen untersucht haben. Eine große Übersichtsarbeit, in der internationale Längsschnittstudien ausgewertet wurden, zeigt, dass ein höherer Medienkonsum im Kindes- und Jugendalter häufig mit mehr Problemen in Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstregulation verbunden ist [2]. Die Autoren betonen dabei ausdrücklich, dass es sich um Zusammenhänge handelt und kein direkter Beweis für eine ursächliche Entstehung von ADHS durch Mediennutzung vorliegt.

Eine weitere aktuelle Übersichts- und Zusammenfassungsarbeit kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Über verschiedene Altersgruppen hinweg ist übermäßige und unregulierte Nutzung von Bildschirmmedien konsistent mit einer Zunahme von ADHS-typischen Symptomen assoziiert, insbesondere wenn Medien früh, häufig und ohne klare Regeln genutzt werden [3]. Auch hier wird hervorgehoben, dass Bildschirmmedien vermutlich ein verstärkender Risikofaktor, aber nicht die alleinige Ursache von ADHS sind und dass genetische, familiäre und soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

Diese Studien unterstreichen, dass ein bewusster und altersgerechter Umgang mit Bildschirmmedien bereits im frühen Kindesalter wichtig ist, auch wenn ein direkter Schaden wissenschaftlich nicht bewiesen ist.

Empfehlungen zum Umgang mit Medien vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ)

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ) empfiehlt Eltern, den Umgang mit Bildschirmmedien im Kindesalter bewusst zu gestalten und klare zeitliche Grenzen zu setzen.

Empfohlene maximale Bildschirmzeiten pro Tag:

  • Kinder unter 3 Jahren: möglichst keine Bildschirmzeit
  • Kinder von 3 bis 6 Jahren: maximal 30 Minuten pro Tag
  • Kinder von 6 bis 9 Jahren: maximal 60 Minuten pro Tag
  • Kinder von 10 bis 12 Jahren: maximal 90 Minuten pro Tag
  • Jugendliche ab 13 Jahren: maximal 120 Minuten pro Tag, mit klaren Regeln

Zusätzlich gilt für alle Altersstufen:

Die oben genannten Zeiten sind Maximalzeiten und stellen keine Empfehlung dar, diese täglich auszuschöpfen. Grundsätzlich gilt: Weniger Bildschirmzeit ist für Kinder immer besser, und besonders im Alter von null bis sechs Jahren ist ein Alltag ganz ohne Bildschirmmedien aus entwicklungsmedizinischer Sicht die beste Lösung. Bildschirmmedien sollten deshalb nicht dauerhaft und nicht unkontrolliert eingesetzt werden. Gerade bei jüngeren Kindern ist es wichtig, dass Eltern dabei sind, Inhalte gemeinsam anschauen und erklären. Medien dürfen kein Ersatz für Vorlesen, gemeinsames Spielen, Bewegung oder Gespräche sein, da diese Erfahrungen für die Entwicklung besonders wichtig sind. Außerdem sollten Bildschirme nicht ins Kinderzimmer gehören, vor allem nicht in den Abendstunden vor dem Schlafengehen.

Der Berufsverband betont deutlich:

Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder echte Gespräche, gemeinsame Zeit und Zuwendung. Bildschirmmedien können ein Teil des Alltags sein, sollten diesen aber nicht bestimmen.

 

Quellen:

[1] Associations Between Screen-Based Media Use and Brain White Matter Integrity in Preschool-Aged Children (John S. Hutton et al, 2020)

[2] Longitudinal associations between digital media use and ADHD symptoms in children and adolescents: a systematic literature review (Thorell et al. 2024)

[3] Screen time and childhood attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis (Hezuo Liu et al., 2024)